Magdalenenstrasse 10, 1060 Wien, Österreich. 2025. Kat. No. D2026.2
Magdalenenstrasse 10, 1060 Wien, Österreich. 2025. Kat. No. D2026.2

Am Anfang war die Zehn
Zwischen Gestern und Heute #2 - Ratzenstadl, Magdalenengrund und Mariahilf

04-01-2026 | (Text Herbert Koeppel), Fotos (Sammlung Herbert Koeppel, Bezirksmuseum Mariahilf, 1060 Wien)


Erinnerungen aus der Kindheit täuschen oft; als Kind wirkt alles größer - unverständlicher. Vieles vergisst man wieder, und doch bleiben gewisse Dinge im Gedächtnis hängen.


In der kurzen Zeit zwischen dem Verlassen des 6. Bezirks 1985 und Mai 1987 hatte sich meine ganz persönliche familiäre Situation in Bezug auf meine mittlerweile trinkfeste Mutter für mich sehr verschlimmert. Seit 1985 mussten wir mehrmals umziehen. Aus vielen Gründen waren die Jahre von 1982 bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich Mitte Mai 1987 einen endgültigen Schlussstrich ziehen konnte, die schlimmsten, die man sich für ein 11- bis 14-jähriges Kind im Zusammenleben mit seiner Mutter vorstellen kann. Letztendlich wohnte ich kurz bei einem damaligen Schulkollegen und bei meiner Großmutter, bis ich Mitte Mai 1987 endgültig zu Pflegeeltern ziehen konnte – daran kann ich mich noch gut erinnern, denn es war der 10.5.1987: Muttertag.


Niemand mehr da

Seit Mitte 1985 war damit – wenn man so möchte – die Ära meiner Familie, vom Urgroßvater über den Opa, die Oma bis hin zu meiner Mutter und deren Geschwistern (Tante und Onkel), am Magdalenengrund vorbei. Tante, Onkel und meine Mutter waren alle in dem Haus aufgewachsen, das heute noch immer unter der Adresse Magdalenenstraße 10 zu finden ist.


Einblick in die Magdalenenstrasse. Die heutige #10 ist das erste vierstöckige Gebäude auf der linken Strassenseite. Quelle: Bezirksmuseum 1060 Wien
Einblick in die Magdalenenstrasse. Die heutige #10 ist das erste vierstöckige Gebäude auf der linken Strassenseite. Quelle: Bezirksmuseum 1060 Wien

Im Gedächtnis ist mir die Formulierung „das Zehner-Haus“ geblieben. Mutter und Oma bezeichneten die alte Adresse der Familie in Gesprächen meist so. Damals hatten diese Unterhaltungen stets einen traurigen Unterton – erst viel später ist mir bewusst geworden, dass die alte Adresse der Familie, zumindest für meine Mutter, zu einer Art Sinnbild des Verlustes geworden sein dürfte. Dass sich ausgerechnet mein Blick und Interesse nach über vier Jahrzehnten wieder auf das „Zehner-Haus“, auf den Magdalenengrund – früher auch das „Ratzenstadl“ genannt – richtet, hätten sich manche der heute nicht mehr lebenden Familienmitglieder wohl kaum gedacht. Aber mit Sicherheit werden heute Tante und Cousine ebenfalls verwundert sein.


Woran liegt es also, das nun aufflammende Interesse an einem Ort, der untrennbar mit der eigenen Familie verbunden ist? Manche werden behaupten, es werde wohl am Alter liegen, und das mag zu einem Teil durchaus stimmen.

Woran es sicherlich nicht liegt, ist eine oft verklärte Sicht auf die Zeit der Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert) und die Jahrzehnte danach – gerade am Magdalenengrund waren die sozialen Verhältnisse, die Wohnsituationen sowie die grundlegenden sanitären Gegebenheiten weit weg von den Dingen, die unser heutiges Leben prägen. Ein eigenes WC sowie fließendes Wasser waren viele Jahrzehnte lang für die meisten Bewohner:innen am Magdalenengrund nahezu utopisch.

In meiner Kindheit gab es bei uns in der Magdalenenstraße 10, Tür 5, zwar eine Innentoilette, aber kein Bad. Gebadet wurde als Kind im großen „Schaffel“ vor dem Holzofen im Wohnzimmer.


Ich (knapp 3 Jahre alt) beim Baden im Schaffl im Wohnzimmer, neben dem Holzofen. August 1974. Kat. No. H2026.3
Ich (knapp 3 Jahre alt) beim Baden im Schaffl im Wohnzimmer, neben dem Holzofen. August 1974. Kat. No. H2026.3

Einen großteil der Faszination, die bei der Beschäftigung mit dieser Materie für mich entsteht, ist der Blick in eine Vergangenheit, die mit der eigenen verbunden ist. Dass mich die Geschichte der eigenen Familie heute mehr interessiert liegt natürlich daran, dass diese untrennbar mit dem Magdalenengrund verbunden war.

Sich mit alten, teilweise historischen Fotografien zu beschäftigen, die Orte dann im Hier und Jetzt zu besuchen, die Veränderungen zu erkennen und Dinge zu entdecken, die unverändert geblieben sind – all das erzeugt ein Gefühl, das (ähnlich wie bei meinen Wienfluss-Erinnerungen) dem des Protagonisten Simon Morley im Buch ‚Zeitspuren‘ von Jack Finney ähnlich sein dürfte. Der Wechsel zwischen dem Gestern und dem Heute, und das ganz ohne Zeitmaschine, macht einen großen Teil der Faszination aus, die mich antreibt, mich mit dem Ratzenstadl, dem Magdalenengrund und Mariahilf zu beschäftigen. Nebenbei klärt sich für mich auch einiges aus der Familiengeschichte der Tauschers sowie ein kleines Stück der Köppel-Geschichte auf.


Magdalenenstrasse 10

Magdalenenstrasse 10, 2006 -  Fotograf Dr. phil. Heinrich Tauscher - Kat. No. D2026.4
Magdalenenstrasse 10, 2006 - Fotograf Dr. phil. Heinrich Tauscher - Kat. No. D2026.4
Magdalenenstrasse 10, 2025 -  © Herbert Koeppel, Kat. No. D2026.5
Magdalenenstrasse 10, 2025 - © Herbert Koeppel, Kat. No. D2026.5

Mir war immer bewusst, dieses Haus ist ein klassisches Beispiel für die Architektur der Gründerzeit in Wien. Zwischen den Jahren 1840 - 1918 wuchs Wien an - die Einwohnerzahlen erreichten damals in etwa heutiges Niveau. Diese Zeit in Wien war geprägt durch massiven wirtschaftlichen Aufschwung und einer rasanten Stadtentwicklung, bis zum ersten Weltkrieg wuchs die Einwohnerzahl auf über 2 Millionen an. Auch „Zinshäuser“ sind untrennbar mit diesem Zeitabschnitt verbunden. Man lies Gebäude errichten, verlangte von den Mietern „Mietzins“ um damit Erträge zu erwirtschaften.

Die Errichtungszeit der Magdalenenstrasse 10 fiel in die Bauperidode 1884-1918, für die Errichtung zeichnete der Architekt Mörtinger Franz Karl verantwortlich - laut mehreren Quellen wurde dieses Mietshaus um 1902 fertiggestellt.

Was meine Familiengeschichte betrifft, schaffe ich es derzeit nur von mir ausgehend, rückwärts in der Zeit zu gehen. Wie schon erwähnt, riss im Jahr 1984 meine direkte Verbindung zur Magdalenenstraße ab. Wir lebten danach zwar noch bis 1985 im selben Bezirk, allerdings etwas weiter entfernt in der Mollardgasse.

Natürlich wurde unsere Wohnung (Tür 5) nach unserem Umzug auch weiterhin vermietet. Es wäre natürlich spannend zu erfahren, wer nach uns darin gewohnt hat – ebenso wie vor uns. Vor zwanzig Jahren fotografierte mein Onkel dann das Zehner-Haus; äußerlich hatte sich an dem Gebäude aus meiner Kindheit nicht viel verändert. Zwischen 2006 und 2008 wurde es saniert und ausgebaut – der gründerzeitliche Charakter blieb dabei aus meiner Sicht bestens erhalten.

Ein Zinshaus wie früher ist es allerdings nicht mehr geworden - mittlerweile sind statt den früheren Miet- nun Eigentumswohnungen entstanden.


Erster Einblick in die Familiengeschichte

Wie so oft bei Recherchen zur eigenen Vergangenheit ergeben sich dabei immer wieder Überraschungen: Laut meinen Meldedaten trug ich bis zum Alter von eineinhalb Jahren tatsächlich den Mädchennamen meiner Mutter - Tauscher, als Nachnamen. Erst danach ändern sich die Daten auf meinen heutigen Namen Köppel. Meine Eltern müssen also irgendwann zwischen Oktober 1971 vor April 1973 geheiratet haben. Bis zu diesem Zeitpunkt entsprach ich dem offiziellen Begriff der 1970er-Jahre: ‚nichtehelich‘. Das genaue Datum der Eheschließung steht somit noch auf meiner Rechercheliste.


Magdalenenstrasse 10, 2024, Front zur Strasse -  @ Herbert Koeppel - Kat. No. D2026.6
Magdalenenstrasse 10, 2024, Front zur Strasse - @ Herbert Koeppel - Kat. No. D2026.6

Ein weiterer weißer Fleck auf der Landkarte meiner Familiengeschichte war für mich die Frage, wann denn die Wohnung, in der ich die ersten 13 Jahre verbrachte, von meiner Mutter bezogen wurde.

Laut Meldedaten der Stadt Wien hatte sie vorher bei meinen Großeltern mit ihrer Schwester und dem Bruder auf Tür 2 (Schneiderei) gelebt. Dort war sie ab 1958 gemeldet; auf Tür 5 – dort, wo ich dann lebte – war sie dann ab Ende November 1968 gemeldet.

Das Foto zeigt das Wohnzimmerfenster im zweiten Stock, ganz links. Ich hatte immer in Erinnerung, dass unser Wohnzimmer zwei Fenster besaß – eine Erinnerung, die sich nun als falsch herausstellte.


Die Schneiderei ist ein weiteres „Puzzlestück“, das zeigt, dass meine Familie nicht nur Bewohner, sondern ein fester Bestandteil der Mariahilfer Wirtschaftsgeschichte waren. Zwei weitere Fundstücken aus dem Nachlass meinen verstorbenen Onkels haben mir dabei bei meinen Recherchen sehr weitergeholfen.


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Visitenkarte nach 1910 - in Verwendung bis 1912
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Etikett zum Einnähen in Mäntel und Sakkos ab 1913

Ein gewebtes Etikett, wie es früher in hochwertigen, maßgeschneiderter Kleidung - in Innfenfutter von Sakkos oder Mänteln eingenäht wurde und eine Visitenkarte meines Urgroßvaters. Dieser war Schneider, ebenso wie dann sein Sohn Heinrich - mein Großvater.

Wegen der unterschiedlichen Adressen könnte man zunächst meinen, es handle sich um verschiedene Gebäude – doch das täuscht. In alten Plänen aus der Zeit von 1862 bis 1904 wird das Haus noch als Nr. 78 geführt. Erst ab 1912 erhielt das Gebäude, in dem ich später wohnte, die Hausnummer 10, wie ich dem Wiener Generalstadtplan von 1912 entnehmen konnte.


Zeitreise in Raten

Zeitliche Einordnungen finde ich bei Vergangenem immer sehr spannend. Gibt es neben Bildern und Texten auch noch ein Datum oder zumindest ein Jahr, so wirken für mich längst vergangene Begebenheiten viel realer. Solche Daten sind für mich wie ein Anker in der Realität – sie sind immer ein Stück mehr der Beweis dafür, dass Orte, Gebäude, Plätze, Geschehnisse und Menschen tatsächlich existiert haben.

Die letzten Wochen waren spannend, interessant und lehrreich – obwohl ich in Sachen Magdalenengrund und der daraus ebenfalls resultierenden Beschäftigung mit der Familiengeschichte erst eine erste dünne Staubschicht abgetragen habe. Es gibt also noch viel zu entdecken, zu erfahren und natürlich auch herzuzeigen.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Trafik in der Familie Tauscher, die ich bis vor Kurzem nicht verorten konnte und zu der ich auch keinerlei Bildmaterial in der Sammlung hatte – doch dazu mehr im nächsten Beitrag - „Zwischen Gestern und Heute: Über den Tabakverschleiß"